Ein Schnitt durch die Geschichte - Wildlife
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Ein Schnitt durch die Geschichte

Seit drei Jahrzehnten wird in der Auvergne wieder ein Traditionsprodukt gefertigt – das legendäre Laguiole Messer. Nicht zuletzt auch wegen der Kooperationen mit berühmten Designern, Modeschöpfern und Architekten hat sich die Manufaktur weltweit einen Namen gemacht.

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Den Anfang nahm die Geschichte 1829 im beschaulichen Städtchen Laguiole im Aveyron im Süden der Auvergne. Hier lebte man vornehmlich von Viehzucht und Ackerbau, stellte den legendären „Laguiole“ Käse her und handelte mit Wein und Kohlen. Auf einem dieser Handelsreisen haben die Auvergnatten – so besagt die Geschichte – spanische Klingen entdeckt und ihren heimischen Schmieden mitgebracht. Einer von ihnen, Jean-Pierre Calmels, nutzte die Klinge, um den bislang gebräuchlichen Dolch „Capouchadou“ in ein Klappmesser zu verwandeln. Schön, einfach und stabil war diese Neuheit. So verwundert es wenig, dass es sich rasch großer Beliebtheit erfreute. Schon bald kam zur Klinge der kleine Dorn, den Fuhrleute zum Durchstechen der Zugriemen nutzten. Und später auch ein Korkenzieher – denn was wäre ein Franzose ohne die Möglichkeit einen Wein zu entkorken? Auch das heute markenidentifizierende, kleine Kreuz und der Kranz von kleinen Nägeln um den mittleren „Clou“ geht laut der Legende auf die Anfänge der Messermanufaktur zurück. Den frommen Bauern der Region erlaubte es auch auf Reisen zu beten und Andacht zu halten. Denn der Nagelkranz gilt als Ersatz des Rosenkranzes und vor dem in den Boden gerammten Messer konnten die Bauern zur Andacht niederknien. Eine weitere Zierde sind Tierdarstellungen oder auch die Jakobsmuschel – denn immerhin liegt der Ort Laguiole auf dem bekanntesten Pilgerpfad Europas – dem Jakobsweg!

16 Meter ragt eine Klinge aus der Manufakturhalle in den Himmel empor. Ende der 1980er Jahre entwarf Star-Designer Philipp Starck das Gebäude.

16 Meter ragt eine Klinge aus der Manufakturhalle in den Himmel empor. Ende der 1980er Jahre entwarf Star-Designer Philipp Starck das Gebäude.

Mit der Industrialisierung setzte in der Region eine gravierende Landflucht ein und viele Dörfer verarmten. Die Mehrheit der Bevölkerung zog auf der Suche nach Arbeit in die Städte – nahm aber das Messer als Andenken an die Heimat mit. Diese Entwicklung machte die Klingen weit über die Auvergne bekannt. Doch die zunehmende Verarmung und Verwaisung des Plateau des Aubrac führte zunächst zu einer Negativentwicklung. Zwar wurden im Laufe der Jahre die Klingen immer weiter ausgefeilt und für eine gehobene Klientel die Griffe bald mit edlen Materialien ausgestattet.

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Gleichzeitig wurden die Messer aber auch zu Massenwaren mit zunehmend schlechter Qualität. Um 1900 zog die Original-Manufaktur in die Industrieregion von Thiers. Doch diese Rechnung war ohne den Wirt gemacht worden! Mit solidem Lokalpatriotismus begann man sich in der Auvergne um eine Wiederansiedlung des traditionsreichen und regionaltypischen Messers. Vor allem aber wollte man endlich Qualitätsstandards durchsetzen und die Nutzung des berühmten Namens Laguiole durch Massenware wie Sonnenbrillen, Kugelschreiber, etc. untersagen.

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In den 1980er Jahren nahm sich eine junge Generation von Messermachern dem Laguioles an. Die Gemeinde selber gründete die Association „Le Couteay de Laguiole“, das ein Originalitätszertifikat vergibt. Und im Ort selber wurde „La Forge Laguiole“ gegründet. Die dafür von Philipp Starck entworfenen Ateliers sind heute eine eigene Touristenattraktion: aus der Fertigungsstätte ragt eine 16 Meter lange Messerklinge. Und der renommierte Designer entwarf auch gleich ein eigenes Messermodel. Dieses Design ist heute sogar im Museum of Modern Art in New York zu bewundern.

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Damit war Laguiole nicht nur wiederauferstanden, sondern auch der Beginn einer Erfolgsgeschichte gesetzt. Heute ist die französische Manufaktur Inbegriff höchster Messerqualität und von edelstem Design. Leider ist der Markenname, trotz aller Bemühungen, nicht geschützt und viele Touristen sowie Liebhaber, die sich ein Laguiole Messer aus der Region mitnehmen wollen, geraten an Fälscher und schlechte Imitate. Einzig die 1987 gegründete Manufaktur „Forge de Laguiole“ ist ortsansässig und entspricht in der Qualität den Ansprüchen der Association. Denn die verlangt nicht nur, dass die Hersteller in der Gegend ansässig sind, sondern auch, dass die Manufakturen selber schmieden. Und diese hohe Kunst beherrscht nur „Forge de Laguiole“.

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800 verschiedene Modelle hat die Firma mittlerweile im Programm. Und für die hochwertigen Stücke stehen Sammler und Liebhaber aus aller Welt Schlange. Auch wenn Lieferzeiten den ein oder anderen vergrätzen oder verärgern mag – der wahre Messerfreund wartet beharrlich. Denn der Lohn ist ein unverwechselbares Messer in Perfektion. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich auch die Sondereditionen wie Starcks Design von 1989 oder das 1995 entworfene Modell von der Modeschöpferin Sonia Rykiel, die als erste Frau für die Manufaktur ein Design kreierte. Die Geschichte des Messer ist anekdotenreich. So besitzt auch der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer ein Modell der Manufaktur. Als er gefragt wurde, wo er beim nächsten offiziellen Frankreichbesuch gerne einen Besuch abstatten wolle, erinnerte er sich an Studententage und damalige Auto-Fahrten durch das Zentralmassiv. 2001 bekam er das Messer dann bei einem Staatsbesuch geschenkt und gab im Gegenzug – und auch das ist Tradition – eine Münze, als Sinnbild unzertrennbarer Freundschaft. Und wer ein Mal einem Laguiole verfallen ist und „Freundschaft geschlossen“ hat, entkommt diesem Bann in der Tat nicht allzu leicht.

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