Im Totenreich der Tiere - Wildlife
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Im Totenreich der Tiere

Deyrolle ist einer dieser Orte, die einen faszinieren und gleichzeitig Fragen aufwerfen. Wer ist beispielsweise interessiert an einer präparierten Taube? Was empfinden Kinder, wenn sie vor den schneeweißen Häschen stehen, die genauso aussehen wie die Häschen aus Lewis Carroll Alice im Wunderland? Und der kleine Elefant, bei dem das rechte Hinterbein in der Luft stockt, wurde er im gehen erlegt oder so präpariert, damit er schwungvoller aussieht?

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Man muss kein großer Tierfreund sein, um präparierte Tiere in Frage zu stellen. Aber so leicht wird es einem bei Deyrolle nicht gemacht. Deyrolle ist mehr, als nur ein Geschäft für präparierte Tiere – es ist eine Art Naturkundemuseum, in dem man die prachtvollsten Tiere studieren kann. Oben, in der Ersten Etage, in der das gesamte afrikanische Tierreich und eine einzigartige Insektensammlung zur Schau gestellt werden. Aber da sind wir noch nicht. Wir fangen Unten an. Vor der Tür.
46, Rue du Bac – seit 1831 befindet sich Deyrolle an dieser feudalen Saint-Germaine Adresse. Gegründet von dem Entomologen Jean-Baptiste Deyrolle, der vor allem ungewöhnliche Insekten, wie die herrlichen Phyllies, die aussehen wie hauchdünne, aufeinander geklebte Blätter, zur Schau stellen wollte, für Lernzwecke. Die Tierpräparate kamen später hinzu, waren aber auch erst Mal nur für Studienzwecke gedacht; für Studenten, Schüler. Dass alles mit einem Preisschild versehen wurde war anfangs nur als Gag gemeint.

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Im Erdgeschoss wirkt alles ruhig. Man ist fast ein bisschen überrascht eine Gartenabteilung vor zu finden. Das ist der Einfluss des neuen Besitzers, Prinz Louis Albert de Broglie. De Broglie ist leidenschaftlicher Gärtner und seine Tomatenzucht umfasst über 650 verschiedene Sorten. 2002 kaufte er Deyrolle und ließ eigentlich alles beim Alten. Bis auf das Erdgeschoss eben, in dem er sein Gartenreich ausbreitete.
Neben der Treppe, die in die oberen Etagen führt, stehen drei Gazellen. Sie sind als Gärtner verkleidet. Von der Einganstür bis zu den Stufen braucht man maximal zehn Minuten um das Erdgeschoss für sich erfasst zu haben. Doch hier auf der ersten Stufe geht die Deyrolle-Reise erst los, und sie kann Stunden dauern.
Die Stufen schlengeln sich wie eine Schnecke nach oben. Die Wände sind Phyllies-grün getüncht. Hier und da hängen, als kleine Vorboten für die Insektensammlung, der Deyrolle ihren hervorragenden Ruf verdankt, Schmetterlingskästen. Kleine Quadrate, in der Regel zwanzig auf zwanzig Zentimeter mit präparierten Schmetterlingen, so schön und leuchtend, wie man sie niemals in der Natur zu sehen bekommt. Die Preise fangen bei vierzig Euro an und gehen hoch in die hunderte. Die ersten Käfer sind auch schon hier zu sehen, grün-schwarz gestreifte Käfer, halb so groß wie ein normal gewachsener Daumen, mit sechs Beinen und am Kopf links und rechts Fühler, die den gesamten Käferkörper umspannen. Der so genannte Coleopter, aufgespickt hinter Glas kostet er einhundertvierunddreißig Euro. Die Insekten glänzen. In dem unbeleuchteten Treppenaufgang hat man fast ein bisschen den Eindruck sie würden funkeln, vor allem die gelackten Körper der Käfer.

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Die Erste Etage umfasst über dreihundert Quadratmeter, aufgeteilt in vier ineinander übergehende Räume – man muss sich das hier wie eine dieser klassischen, Pariser Wohnungen vorstellen, wie man sie aus Nouvelle Vague Filmen kennt. Über fünf Meter hohe Decken mit Stuck verziert, Dielenboden, Flügeltüren und große, alte Kassettenfenster.
Es riecht nach nichts, und da das nicht möglich sein kann muss man sich anstrengen und konzentrieren; frisch lasierter Dielenboden, ja, danach riecht es hier. Musik läuft keine. Und das ist auch gut so, das Löwenmädchen, das einen gleich am Treppenabsatz erwartet sieht so lebendig aus, man könnte fürchten die Tiere würden bei dem leisesten Takt lostanzen. An jedem Tier baumelt ein Preisschild. Löwenmädchen neuntausendneunhundert Euro, der Lux daneben achttausend Euro. Puma vierzehntausend Euro. In dem ersten Raum ruht das gesamte Tierreich des Okavango Delta, mit nur einer Ausnahme – es gibt kein Nilpferd. Krokodile (ab zehntausend Euro), Giraffen, Büffel, Zebra (siebentausendsechshundertachtzig Euro), alle da. Zwei Mal im Jahr wird das Fell der Tiere frisch aufbereitet, damit keine Motten kommen und das Fell den Glanz nicht verliert.
Schon Mal vor einem afrikanischen Straußmännchen gestanden? Stehend kommt man nicht mal Ansatzweise an den Schnabel heran, zwei Meter achtundvierzig ist dieser hier hoch und hat die grimmigste Schnute, die man sich nur vorstellen kann. Wirklich beruhigend ist das nicht, dass hier alle Tiere tot sind. Noch mal Geruchssinn aktivieren, wirklich erstaunlich, dass es hier so neutral riecht. Das könnte an der Renovierung liegen. Tragischerweise brannte Deyrolle letztes Frühjahr innen aus. Das Gebäude blieb unversehrt, aber von den Tieren überlebten nur ein Schwan, ein Wolf und ein paar Andere Kleintiere. Auch der Großteil der Insekten verkohlte. Die Brandursache blieb ungeklärt. Mit der Hilfe von öffentlichen Geldern und vielen, privaten Spenden – Geldspenden, aber auch Tierspenden – konnte Deyrolle fast wieder exakt rekonstruiert werden. Von den Schrankwänden, über die Schmetterlingsvitrinen bis hin zur präparierten Tiersammlung ist alles perfekt. Wer von dem Brand nichts weiß ahnt nichts.
Ein junges Mädchen kniet auf dem Dielenboden, den Zeichenblock auf ihrem Schoß zeichnet sie die Löwen-Tiger-Puma-Kulisse ab. Einen Raum weiter steht eine ältere Dame unter dem von der Stuckdecke baumelnden Geier. Sie hat auch einen Zeichenblock vor sich und konzentriert sich auf die Möwe, die hier mit ausgebreiteten Flügeln ausgestellt ist. Dieser zweite Raum wird komplett von einer verglasten Schrankwand eingerahmt. Pippi Langstrumpfs Herr Nilson ist traurigerweise auch hier; Stinktiere, Hamster, Vögel, Mader und eben auch die bereits erwähnten Tauben. Dieser Raum flößt etwas Angst ein, da hier sehr viele Tiere auf kleinster Fläche ausgestellt werden. In der Mitte stehen große Tische auf denen Stachelschweine (fünftausendeinhundert Euro), Hasen (vierhundert Euro), Dachse und so stehen. Man bewegt sich hier wie in Zeitlupe fort, auch aus Angst eines der Tiere zu berühren und sie dadurch aufzuwecken. Sie wirken nicht tot; eher schlafend. Als hätte man mitten im Film auf die Pause Taste gedrückt. Manchmal knarrt der Dielenboden, ein Kunde zieht vorbei. Das bleibt aber auch das einzige Geräusch das man wahrnimmt.

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Das Beste kommt zum Schluss. Denn auch wenn in der Natur Großtiere und vor allem Großwild faszinierender zu Beobachten sind, bei Deyrolle sind es die Insekten. Ihnen gehört der letzte Raum. In dem Zimmer davor kann man jede auch nur erdenkliche Information über Tiere erstehen. Bücher, Karten, Anthologien – sogar Entenführer.
Das Insektenzimmer wirkt mehr wie ein Studiensaal. Passend dazu steht hier ein älterer Herr mit großem Bart und großem Bauch, der aussieht wie ein Professor. Er trägt eine kleine Lesebrille und steht vertieft über einem offenen Schaukasten mit Käfern. Und hier fällt einem zum Ersten Mal, abgesehen von dem Mann unten an der Kasse, ein Deyrolle Mitarbeiter auf. Auch dieser Saal ist eingerahmt von Glasvitrinen aus dunklem Holz. Im Saal stehen große Schubladentheken, voll gespickt mit Käfern, wie dem Goliathus beispielsweise. Das ist ein Käfer so groß wie eine ausgewachsene Hand. Wenn der sich jetzt in Bewegung setzten würde; aber so leblos ist er wunderschön. Eisgrau-schwarz schraffiert, achtzig Euro. Daneben sind etliche Phasmen. Das sind Pflanzenfressende Insekten, die keine besondere Funktion erfüllen, außer das sie Teil der Vegetation sind, erklärt der nette Professor, der natürlich Entomologe ist. Das besondere an den Phasmen ist ihr Kleid – mal zitronengelb aus feinsten Härchen, mal knallpink. Wie ein aufgespannter Cocktailschirm umspannt es den Körper, der aussieht wie ein sehr langer Zahnstocher. Eine Phasme gibt es ab dreißig Euro.
Der Dielenboden knarrt. Eine junge Frau kommt und interessiert sich für Schmetterlinge. Der Professor weiß alles und ist sehr freundlich. An einer Wand sind leere Glaskästen hochgestapelt. Man kann sich die Schmetterlinge, Phasmen, Phyllis und Goliathuse selbst zusammenstellen. Die junge Frau nimmt mehrere kleine, schwarzen Glaskästen und legt los.

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