Wilde Konsequenz - Wildlife
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Wilde Konsequenz

Wie muss ein Parfum riechen, das uns die tägliche Reizüberflutung, das Zerrissensein zwischen To-Do-Listen und Entscheidungsdruck vergessen lässt? Wie wäre es mit einer Basisnote nach feuchter Erde und weichem Moos, nach bitteren Beeren oder süßsauren Kiefernnadeln? Den Schmutz und Lärm der Stadt könnte die Kopfnote von harziger Baumrinde und nussigen Pilzen im Unterholz übertünchen. Ein Hauch von Fischschuppen oder frisch erlegtem Wild wäre da olfaktorisch schon gewöhnungsbedürftiger. Könnten wir wie ein Tier riechen, müssten wir nur die Augen schließen und hätten sofort das Gefühl, fuchshoch durch das Dickicht eines Waldes in den warmen Bau zu kriechen. Sicher ist: Dieses Wild Fragrance würde sofort das Tor zu einer Zurück-zur-Natur-Sehnsucht öffnen, die ebenso neu wie uralt ist und wild um sich greift.

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Denn wir  sind Teil des großen Ganzen, und die Natur ist unser wichtigster Untermieter – oder vice versa? Leicht gesagt, sich dem Drang nach Natur pur einfach hinzugeben, werden wir doch ständig konditioniert, uns vom Natürlichen zu entfernen und uns der digitalen Schnelllebigkeit hinzugeben. Die virtuellen Multikanäle klauen uns die innere Orientierung. So manchem hilft ein kurzer Spaziergang im Wald, eine Wanderreise oder ein spontanes Eintauchen im Stadtbad oder im glasklaren Naturbergsee. Nur ein kurzer Entschleunigungsmoment hält bereits ein Weilchen vor.

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Aber es gibt Menschen – häufig Middle Ager der Gen Me-Gen(eration) Y (die zwischen1980 und 1999 Geborenen)  – die Ernst machen und den Weg Into the Wild mit allen Konsequenzen gehen.  Mit stringenten Zurück-zur-Natur-Lebenskonzepten bieten sie dem urbanen Wertemüll die Stirn und praktizieren lösungsorientiertes Loslösen.

Die Wildnis und der Wald stecken voll praller Vielfalt, die es zu entdecken, zu erfühlen und symbolisch zu verorten gilt. Ob als Waldschrat, Wildlife-Guide oder Wildart-Künstler– jeder erfüllt die Wildside-Aufgabe auf seine Weise. Manche mutterseelenallein, andere im Tross einer Abenteuer-Exkursion. Erste Challenge: „You have to survive“. Dazu muss man einiges über natürliche Ernährungskreisläufe wissen: Vom Sammeln und Verarbeiten von Wildblumen, -kräutern oder -beeren bis zum Imkern von Wildbienenhonig oder dem Erlegen eines stattlichen Waldtiers. Man beachte dabei auch das Wording. So betitelt sich der Schweizer Fotograf Bruno Augsburger als Mushroom-Hunter, wenn er für seine thematischen Motive unter uralte Eichen kriecht, dort seltene Riesenpilze entdeckt, freibuddelt und shooted. Als zeitgemäßer Alchemist versteht sich Christoph Keller (Stählemühle/Germany). Er beherrscht die hohe Kunst des Destillierens und verflüssigt, was wild auf Strauch, Baum und Feld gedeiht. Feinste Edelfruchtbrände destilliert er aus Wildgewächsen wie Mispeln mit Pilzen oder Trauben und Bergasche (Vulkangestein). Erst als Autodidakt, heute auf GaultMillaut-Niveau. Bei aller wilden Botanik darf die klassische Zunft der Wildlifemenschen nicht fehlen: the real Hunter – eine neue (auch weibliche) Jägergeneration nimmt dabei konstruktiv-kritisch Stellung zu gesunden Kreisläufen, Waldgesetzen und einem transparenten Fleischverzehr, wie er nur in der Wildnis zu finden ist. Im Wald lebt es sich übersichtlich.

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Die Fotokünstlerin Danila Tkachenkos zeigt in ihren Fotoprojekten überlebens-architektonisch gut durchdachte Tiny Houses, die Alter Egos der Walderemiten. Gut getarnt und kafkaesk-windschief kleben sie wie Vogelnester zwischen dem Gehölz. Geschnitzte Holzgottheiten dienen als Gesprächspartner, Felsen und Bäume werden zu Freunden in der Einsamkeit. Mitten in der Wildnis bieten sie Co- oder Lonesome-Working-Teilzeit-Survivern Raum für Rückzug und Besinnung auf sich selbst. Ein erstes Warm-up bieten organisierte Wilderness-Weekend-Exkursionen oder die Culinary Tours für das Erlernen einer oft in Knie- oder Hockstellung praktizierten Openair-Kochkunst, in der die Ernte aus Fauna und Flora am offenen Feuer verarbeitet wird.

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Den gesamten Artikel können Sie in der aktuellen Quality Jubiläumsausgabe lesen!

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