On the road | Off the Road | Quality Buchrezension
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On the move

von Anton Hart

 

Alle kennen den fast schon zum Klischee „verkommenen“ Sinnspruch „Der Weg ist das Ziel“. Die Wenigsten handeln danach. Kaum hat man ein Ziel erreicht, fokussiert man schon das nächste. Diesem Kreislauf zu entkommen ist schwer. Beim Reisen wird die Fahrt oft als notwendiges Übel zum Zielort gesehen. Doch eine zunehmende Zahl von Travellern sieht genau diese Form des Reisens – ohne eine lange vorher geplante Route, ja sogar ohne einen Bestimmungsort – als das eigentliche Ziel. 

Das Gefühl von Sicherheit ist den meisten wichtiger als der Nervenkitzel eines Nomadenlebens. Doch viele von uns spielen doch schon mal mit dem Gedanken unsere Sachen zu packen, aufzubrechen und die Zukunft einfach auf uns zukommen zu lassen. Die Sehnsucht nach Reisen hat die sesshaften Menschen bis heute nicht verlassen. Romantiker träumten schon Anfang des 19. Jahrhunderts davon, aber es fehlte an Möglichkeiten es umzusetzen. Der große Traum des Reisens auf selbst gewählten Routen wurde erst mit dem Auto möglich. So fiel auch die erste große Welle von Aussteigern, die für unbestimmte Zeit aufbrachen, in die 50er und 60er Jahre, als Autos für die Masse zum ersten Mal erschwinglich wurden.

Die Subkulturen der Beatniks und Hippies taten ihr Übriges: Das „Life On the Road“ wurde in Büchern und Liedern so verherrlicht, dass viele der Versuchung auf unbestimmter Zeit auszusteigen widerstehen konnten. Viele folgten „Easy Rider“ in die großen Weiten Amerikas auf dem Bike. Für die meisten blieb es bei einer kurzen Lebensphase. Eine berufliche Karriere mit dem nomadenhaften Leben auf der Straße zu verbinden, erschien aber nicht machbar. Viel hat sich seitdem getan: Das Internet bietet nicht nur Unmengen an Informationen für Traveller, sondern auch bisher ungeahnte Jobmöglichkeiten für Leute auf Achse. Zum ersten Mal besteht die Möglichkeit, ein Leben auf Durchreise zur dauerhaften Realität zu machen. Immer mehr Leute haben den Mut auf unbestimmte Zeit aufzubrechen.

So ging es auch Lucy und Luis. In „Off The Road“ erzählen die Amerikanerin und der Venezolaner ihre Geschichte. Sie trafen sich beim Studium in Kalifornien und wurden ein Paar. Nach ihrem Abschluss fassten sie den Plan ihr Fachgebiet Umweltwissenschaften in der Praxis zu testen. So traten sie mit einem Toyota Land Cruiser im Norden der USA ihre Reise an. Endziel war der südlichste Zipfel Südamerikas. Geplant hatten sie den Trip für ein Jahr, nach anderthalb Jahren waren sie immer noch nicht in Südamerika angekommen.

Schon nach kurzer Zeit hatten sie erkannt, dass die wichtigste Eigenschaft beim Reisen die Kunst ist, sich treiben zu lassen und Geplantes einfach den Umständen anzupassen. Wer beim Reisen das meiste für sich rausholen will, sollte sich von Alltagszwängen trennen. Nur zu oft quälen wir uns im Berufsalltag durch unendliche To-do-Listen, um unsere Ziele zu erreichen. Möglichkeiten zu finden, sich sein Trippin‘ von unterwegs komplett selbst zu finanzieren, blieb auch Lucy und Luis nicht erspart. Doch Not macht erfinderisch: Um über drei Monate am Fuß des Vulkans Cotopaxi in Ecuador verbringen zu können, organisierten sie spontan und völlig ungeplant Wandertouren.

Der Zielort rückte dabei immer weiter nach hinten. Und das war auch gut so. Nach viereinhalb abenteuerlichen Jahren erreichten sie Ushuaia im Süden Argentiniens und bereuten nicht eine Sekunde, die Reise so lange ausgedehnt zu haben. Ihre Eindrücke verewigten sie in ihrem Blog „Lost World Explorations“ mit zahlreichen Followern, die jetzt vielleicht den Mut haben, es ihnen nachzutun. Dass sie dabei ein bisschen vom Fahrplan abgekommen waren,  macht den großen Reiz ihrer Roadgeschichte aus. Denn „die Straße der Ausschweifung führt zum Palast der Weisheit.“ (William Blake)

Off the Road von Robert Klanten, Gestalten Verlag, 2015

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